Planck spielt
Beim ersten Gitarrenakkord wacht Jürgen auf. Es hallt vom Parkplatz auch zu gut hoch in den dritten Stück. Da unten spielt sich einer warm. Erna dreht sich weg, schnarcht weiter. Jürgen steht, hinter den Vorhang, schaut vorsichtig hinunter. Nicht entdecken lassen. Unten ein nackter Mann mit Gitarre. Er schaut hoch und ruft zu den drei Akkorden hoch: “Quantenphysik! Quantenphysik! Quantenpsysik!”
Und er zertrümmert die Gitarre auf dem Opel von den Bergs. Der Nackte läuft weg, Jürgen weicht zurück, ins Bett. Erna schmatzt. Er zieht das Kissen über den Kopf. Und doch hört er: “Max Planck!”

Fotografiert von Flickr-Nutzer Universaldilletant - vielen Dank fürs Teilen!
Original Article
Vor den Spiegeln
Der Mann aus der Dachgeschosswohnung steht neben den Mülltonnen auf dem Hinterhof und macht sich die Haare. Gregor wird langsamer, hält den Abfallsack höher. Der von oben soll gleich den Müllbeutel sehen. Der soll nicht denken, dass er ihm hinterherspioniert. Nee, nee. Gregor guckt natürlich doch. Die Hand am Müllcontainer, der Beutel schon darin, lugt er nach links. Hat der Nachbar einen Spiegel neben den Mülltonnen? Sieht ganz so aus: Der Mann streicht sich die grauen, fettigen, etwas zu langen Haare zur Seite, er prüft den Scheitel mit konzentriertem Blick schräg vor sich zu Boden. Gregor zieht den Deckel des Müllcontainers zu, geht in Richtung Kämmer. Ja, ein Spiegel auf dem Boden. “Ist meiner”, sagt der Nachbar aus dem Dachgeschoss. “Ah”, antwortet Gregor. Es ist seiner. Ja alles klar. “Ich kann das Bild nicht mehr sehen”, erklärt der Nachbar, setzt nach: “drinnen, mein’ ich. Hier draußen, wo immer einer kommen kann, seh’ ich anders aus. Das ist automatisch so, unter Leuten. Aber drinnen…” Der Nachbar streicht die Haare hinter die Ohren. “Drinnen, da bin ich ich. Die Woche hab ich geschrieen, in der Frühe im Bad. Ich war gerade aufgestanden, ganz benommen… Dann dieses Gesicht im Spiegel.” Er dreht sich halb zurück zu Greogor, lächelt und sagt: “Ich kann das nicht sehen.”

Original Article
Batman glitzert nicht mehr
Er hält am Aufgang zu seiner Hinterhofwohnung inne, den Schlüsselbund in der Hand. Die Tür ist angelehnt. Er starrt auf den Boden davor. Auf der dritten Stufe liegt die Glitzerfledermaus, die sie als Kinder für Batman hielten. Er geht heran, beugt sich vor, fährt mit dem Finger über ihre raue Haut. Drei Jahrzehnte zurück, sie rennen die Böschung in den Waldstreifen am Bahndamm herab, dem dicken Egon hinterher. Du bist so nah dran, du hört ihn keuchen. Noch etwas näher, du trittst Egons Bein zur Seite. Er knallt hin, windet sich, Blut an den Händen, Blut im Gesicht. Ihr wollt die Tasche mit den Süßigkeiten, der Fledermaus, den Schätzen, die Egons Mutter ihm zusteckt, vielleicht weil kein Vater mehr da ist. Wie der sich an die Tasche klammert. Die anderen treten ihn, du suchst einen schönen handgroßen Stein aus. Du schlägst damit auf Egons klammernden Hände. Er lässt bald los. Ihr teilt die Schätze auf, für jeden zwei Cola-Kracher, für dich die Fledermaus. Sie hat viel von ihrem Glitzern verloren, aber vielleicht ist das nur die Erinnerung. Er hört ein Knirschen, Schuh auf Schotter, etwas saust durch die Luft, es kracht auf seinen Hinterkopf. Dunkelheit.

Fotografiert von Flickr-Mitglied iflaig - vielen Dank fürs Teilen!
Original Article
Im Korb
Die ersten Sonnenstrahlen fielen durch die Baumwipfel auf der Hügelkette gegenüber auf den Hof. Stille. Dieter wendete sich zum Licht, er holte Atem und dann krähte er sein Reich wach. Es raschelte auf den Stangen im Stall, aus der Hundehütte drang ein Schnaufen, auf dem Nachbarhof krähte einer nach. Geräusch für Geräusch brach der Tag an, Dieter setzte erneut an, als der Wecker ihn wachschrillte, er wollte noch dieses Krähen herauslassen, er würgte. Dieter stellte den Wecker ab und ging wie jeden Morgen durch die Dunkelheit, vorbei am Sperrmüllkorb der Nachbarn draußen, an den heruntergelassenen Rolladen der Bude, zur ersten Straßenbahn zum Werk, wo niemand sein Krähen würde hören können.

Original Article
Erna lebt hier nicht mehr
Hatte er sich in der Menschheit getäuscht? Michalsky überflog den Artikel noch mal, aber nein, das Fazit war wirklich dieses: Die Gewalt wird weniger, seit der Steinzeit, kontinuierlich, behauptete ein Harvard-Psychologe. Michalsky schüttelte den Kopf, grummelte, schaute vom Küchentisch seiner gardinenlosen Erdgeschosswohnung ungläubig auf den Bürgersteig hinaus, wo der Opa wieder seinen Hund anbrüllte wie seine Erna damals als sie noch lebte. “Hältst du jetzt die Klappe!”, schrie der Alte vorgebeugt mit roten Kopf. Der Köter kläffte, der Alte zog die Leine hoch, bis das Tier auf den Hinterpfoten stand, um noch Luft zu kriegen. Kein Kläffen mehr. Michalsky glaubte dem Harvard-Psychologen nicht. Aber vielleicht hatte er es sich zu bequem eingerichtet mit seiner Sicht auf die Barbaren vor dem Küchenfenster. Ein Experiment! Michalsky nahm die weiße Tasse vom Schrank, die Erna ihm zum Einzug geschenkt hatte. Er stellte sie draußen auf den Pollerstein. Wenn die bis morgen früh unbeschadet da draußen stehen konnte, würde er sein Urteil überdenken. Michalsky trank mehr als sonst an diesem Abend, er schlief unter dem Küchentisch ein. Als er am nächsten Morgen nach draußen schlurfte, stand die Sonne schon hoch, das Licht tat ihm weh. In der Sonne leuchtete die weiße Tasse, unversehrt. Dampf stieg aus ihr auf, Michalsky umfasste sie mit den Händen, warm! Er roch. Starker Kaffee. Er nahm einen Schluck und verzog das Gesicht und spuckte aus. Zucker!

Original Article
Ins All
Manfred stellte den Müllbeutel vor die Tür. Aus der Wohnung gegenüber hörte er gedämpftes Schnaufen, dann einen satten Rums. Die Wohnungstür gegenüber öffnete sich, der Alte stand in Bademantel über Jeans im Rahmen, im Flur hinter ihm der Fernseher auf dem Boden. Der Alte redete nicht lange rum: “Tach. Kannste mir helfen, den runterzutragen?” Manfred half. Mit jeder Etage wurde die Röhrenkiste etwas schwerer, sie setzten sie ab, im dritten Stock schnaufte der Alte, im zweiten rasselte es aus seinem Brustkorb. Manfred verzögerte den Abstieg mit einer Frage: “Warum schmeißt du den weg, sieht doch noch gut aus?” Der Alte winkte ab. “Gar nich gut”, er holte Luft, “gar nich gut”, noch ein Atemzug, “was wir da rausstrahlen ins All an Rundfunk.” Er setzte wieder zum Hochheben an und Manfred packte seine Seite der Glotze. Draußen, als sie den Fernseher vorm Eingang abstellten, hakte Manfred noch mal nach, wie der Alte das denn meine mit dem All. Der Nachbar stützte sich an der Hauswand ab und erklärte, wie das mit den Strahlen sei, ausgerechnet im Fernsehen habe er das gesehen: “Das geht da alles raus, das strahlt ins All, in alle Ewigkeit und irgendwo schnappt dann einer die Signale auf und sieht dann den Silbereisen. Was denken die denn von uns.” Der Alte erzählte er von seinen Träumen, von denen über die Weltformel, denen mit den Steinfressern. Er holte Luft und erzählte, dass er glaube, Träume seien Rundfunkwellen aus dem All. “Die müssen ja nicht funken wie wir. Da hat irgendwer Gedankenfernsehen. Und wir alle kriegen Fetzen davon ab. Weil die nicht dran denken, dass da jemand sein könnte!” Deshalb müsse er den Fernseher zerstören, er wolle nicht so gedankenlos handeln. “Hilf mir.” Sie wuchteten die Glotze auf den Betonpfosten am Straßenrand, den Bildschirm voran, abwärts. Das Glas krachte, der Alte lachte auf, er stand noch einige Zeit da, die Hände in den Taschen seines Bademantels und lächelte. Vielleicht würde irgendwo im All einer besser schlafen diese Nacht.

Fotografiert von Flickr-Nutzer Rheinkrater - vielen Dank fürs Teilen in der Flickr-Gruppe der Dinge auf der Straße!
Original Article
Spiel auf Zeit
“Keine Fragen, hör zu, wir haben wenig Zeit, bis die zurückkommen. Wenn du was für mich tust, hast du in einer Stunde zweitausend Öcken, bar auf die Hand. Hol mich hier raus, fahr mich kurz wohin. Ich hab die Asche da liegen.”
Tim schaute sich auf dem Parkplatz um, niemand unterwegs sonst. Er blickte wieder auf die Rückbank des geparkten Kombis. Die Stimme kam gedämpft aus dem nicht ganz geschlossenen Fenster.
“Schnell. Die sind zehn Minuten weg, wieder zum Händler. Befrei mich, ich bezahl dich.”
Und Tim half, er schlug die Scheibe ein, er fuhr zum Gehöft an der Bundesstraße raus. Wie geheißen, wie abgesprochen. Und als der Hase dann nicht zahlen konnte, zog Tim die Konsequenzen.

Den Hasen hat Michael McCullough fotografiert und mit der Flickr-Gruppe der Dinge auf der Straße geteilt. Vielen Dank!
Original Article
Der Strohhalm
10 Uhr, Zeit für den Ranger. Klaus reckte den Kopf aus dem Büdchenfenster und ja, von links rollte er an. Hinten im Drahtkorb des Rollstuhls klapperte der Gehstock mit den Abzeichen dran, als der Ranger übers unebene Pflaster vorm Kämpentreff fuhr. “Warum hat der immer den Stock dabei?”, dachte Klaus. Er hatte den Ranger nie laufen sehen. Der Rollstuhl hielt, der Ranger schob seinen Cowboyhut nach hinten, blickte auf. “Morgen, ein DAB.” Klaus holte die Flasche aus dem Kühlschrank, wie jeden Mittwochmorgen. Mittwochs DAB für den Ranger. Er schlurfte raus, drückte dem Alten die Flasche in die Linke. Der Ranger kratzte sich die grauen Bartstoppeln, holte sein Messer aus der Gürteltasche, hebelte den Deckel mit der stumpfen Seite ab. Er fummelte in der Brusttasche des Holzfällerhemds nach dem Strohhalm. Mittwochs der rote Strohhalm. “Prost, mein Lieber!” Klaus nickte ihm zu. Und heute fragte er: “Sach ma, warum immer der Strohhalm?” Der Ranger zog sich etwas vom Pils, schmatzte. “Komplementärkontrast. Grün-Rot, ne?” Klaus verstand nicht und um etwas zu sagen, kommentierte er, was er verstand: “Aber das Bier, das ist doch gelb.” Der Ranger kicherte. “Gelb, gelb, gelb. Recht haste, scheiß auf den Strohhalm!” Er warf das Plastikröhrchen hinter sich, legte den Kopf in den Nacken und lachte laut los.

Fotografier von Flickr-Mitglied On the run - vielen Dank fürs Teilen in der Flickr-Gruppe der Dinge auf der Straße!
Original Article
Der Barbier
Der Alte wankte aus dem Kämpentreff, hielt sich an der Klinke fest, drehte sich umständlich in Tims Richtung. Der kommt gleich den Bürgersteig hoch! Tim duckte sich hinter den Trafokasten. Er musste den Alten täuschen. Einen Bart machen, schnell! Tim wühlte in seiner Plastiktüte, das Hundefutter, die Pilze, ah, die Bartcreme! Die Tube glitt ihm aus den schwitzigen Händen. Tim griff wieder zu, hantierte am Verschluss, aufrollen, aufrollen. Es ging nicht, warum bauten die so einen Mist, das wissen die doch, dass man die schnell braucht. Tim schlug mit der Faust auf die Tube, weiße Creme spritzte aufs Trottoir. Tim rieb sich den kalten Stoff ins Gesicht. Oh bitte, mach schnell, wachse! ”Na, Kleiner?” Tim erstarrte, schielte hoch, der Alte lehnte am Trafo. Seine Glatze glänzte vom Nieselregen, er betrachtete den Boden. “Musst du doch aufdrehen.” Der Alte lachte, kniff die Augen zusammen, dass die Knastträne verschwand. “Spiegel hat er auch nicht.” Der Alte beruhigte sich, die Träne war wieder zu sehen. Er sagte: “Aber Messer hab ich für dich.”

Fotografiert von Flickr-Mitglied Papenburger - vielen Dank fürs Teilen in der Flickr-Gruppe der Dinge auf der Straße.
Original Article
Der mit dem Fisch in der Hand
Herbert starrte den Mann an, der ihm vor der Freibad-Pommesbude einen Plastikfisch hinhielt. “Nimm schon, schenk ich dir.” Aber Herbert betrachtete nicht den bunten Plastikfisch, er fixierte die Augenklappe des Herren mit den langen, grauen Haaren. War der Mann Pirat? Herbert kannte Augenklappen nur aus Bilderbüchern, aber die Piraten da hatten immer auch ein Holzbein. Sein Blick wanderte hinunter an der hageren, leicht gebeugten Gestalt. Der Mann lachte, schlug mit dem Fisch gegen sein rechtes Bein: “Alles echt.” Dann warf er den Fisch Herbert zu, der fing instinktiv, und als er aufschaute, verschwand der Einäugige im Gedränge der Badegäste. Herbert hörte Mutters Stimme hinter sich: “Warum stehst du nicht an, du solltest doch Pommes holen? Was hast du denn da?” Herbert erzählte, ein Pirat habe ihm den geschenkt. Einer mit Augenklappe? Ja. Mutter nahm ihn mit den Armen an beiden Schultern, ging in die Hocke, sah ihm ins Gesicht: “Das war der Augenjäger. Der gibt kleinen dummen Jungen wie dir seinen Fisch, der holt sich nachts ein Auge von dir und bringt es ihm. Als Ersatz.” Sie riss ihm den Fisch aus der Hand, warf ihn fort, zerrte Herbert hinter sich her, weg, zum Ausgang. Mutter weinte.

Original Article